Münster – Dass der Nussknacker so weltberühmt ist, liegt an der Suite. Tschaikowsky hat darin die schönsten Stücke seines Balletts für den Konzertgebrauch zusammengefasst - und wäre wohl nie auf den Gedanken gekommen, man könnte das ganze abendfüllende Werk im Symphoniekonzert spielen. Tatsächlich sind Ballette fast noch mehr als Opern auf die Bühne angewiesen; reine CD-Aufnahmen wirken oft seltsam leer.
Und nun kommt ausgerechnet der Tschaikowsky-Skeptiker Simon Rattle und tritt den Beweis an, dass sich der Nussknacker als zweistündige Riesensymphonie hören lässt. Eine ganz schön dicke Nuss - und zugleich ein Bilderbogen von märchenhafter Farbigkeit.
Wie schön, dass sich Rattle von Tschaikowskys Qualitäten als genialer Instrumentator hat überzeugen lassen - er kitzelt aus jedem Satz etwas Neues heraus. Vor allem aber weiß er die Spannung zu halten und zu steigern: Wer nach dem großen Blumenwalzer im zweiten Akt den CD-Player schon ausschalten möchte, wird vom gemächlichen Pas de deux mit sanfter Gewalt daran gehindert. Die Berliner Philharmoniker vermeiden mit ausgefeilter Dynamik und präzise justierten Melodiebögen sorgsam jeden Tanzmusik-Leerlauf.
Die prachtvolle Aufnahme kommt in einer dicken Deluxe-Kassette daher, die technisch versierten Musikfreunden einige Online-Extras verspricht.
"Westfälische Nachrichten", Lukas Speckmann, 2. Dezember 2010
Genau drei Jahrzehnte ist Simon Rattle bei EMI Classics unter Vertrag. Mit einer Einspielung von Sibelius' Sinfonie Nr. 5 fing es 1980 an. Ein riesiges Repertoire hat der heutige Chef der Berliner Philharmoniker seitdem eingespielt und sich immer wieder auf das Spannungsfeld von Tradition und Moderne eingelassen. Meilensteine seiner Diskografie erscheinen seit Jahren in der RATTLE-EDITION. Die beiden aktuellen Boxen umfassen Rattles Beethoven-Aufnahmen sowie Werke der Zweiten Wiener Schule (Schönberg, Berg und Webern).
2003 sorgte Rattle gleich zwei Mal mit Beethoven für Furore: Zum einen hatte er die Sinfonien mit den Wiener Philharmonikern live eingespielt und dafür schon in den Konzerten Lobeshymnen wie „überwältigende Präzision“ oder „idyllische Schönheit“ geerntet. Mit den Berlinern und einem herausragenden Ensemble, zu dem u.a. Angela Denoke, Jon Villars und Thomas Quasthoff gehörten, legte er dann einen maßgeblichen Fidelio vor. Beide Aufnahmen sind neben weiteren Dokumenten auf der 9 CDs umfassenden Beethoven-Box vertreten. - Rattles Beschäftigung mit dem Schönberg-Kreis reicht weiter zurück: Seine Berliner Produktion der monumentalen Gurre-Lieder war eine der ersten Großtaten an der Spree. Sie fügt sich hier ein mit Einspielungen weiterer maßgeblicher Werke der Frühmoderne, unter anderem mit Rattles Ensembles aus Birmingham: So etwa Schönbergs Melodram Erwartung, Orchesterstücke von Schönberg und Webern sowie die wegweisende Aufnahme von Alban Bergs Violinkonzert (Finale) mit Gidon Kremer.
© 2011 EMI Music Germany | Impressum